Hörprobe

Listen to a 'Cello made in 2008, now played by 'Cellist Christoph Ernst. Linz, Austria

This Instrument was built on the model of an English 18thc maker - Henry Jay

Ludwig van Beethoven Variationen aus dem Zauberflöte - Christoph Ernst, `Cellist - Linz
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Blick in die Werkstatt
Viola Halsreparatur

Presse

Reportage Geigenbau, Kundenzeitschrift der Stadtwerke Langen 2/2010

 

Wenn Nigel Ruddock auf die Seele der Geige blickt, späht er durch ein bleistiftbreites, kreisrundes Loch. Die Seele, auch Stimmstock genannt, ist ein unscheinbares Rundholz im Inneren der Geige. Doch es überträgt die Schwingungen von der Decke auf den Boden der Geige – und ist damit der Schlüssel zum perfekten Klang. Tief gebeugt hockt der 52-Jährige vor seiner Werkbank und linst ins Innere des hölzernen Korpus. Der Patient: eine Geige, Baujahr um 1920, der Lack zerkratzt, der Stimmstock verrutscht.

 

Reparatur und Bau einer Geige erfordern Fingerspitzengefühl und jahrelange Erfahrung. Nur rund 350 Geigenbauer in Deutschland beherrschen dieses Handwerk. Einer von ihnen ist Nigel Ruddock. In der kleinen Werkstatt des Geigenbaumeisters türmen sich Bohrer, Feilen, Meißel und Rundeisen, kleine Hämmerchen, Sägen und Raspeln. Es riecht nach Harz und Lack. In offenen Holzregalen hängen Dutzende von Instrumenten: Geigen, Bratschen und Celli. Zwischen den Saiten klemmen Arbeitszettel, auf denen die Mängel vermerkt sind.

 

Über zu wenig Arbeit kann sich Nigel Ruddock nicht beklagen: Alle 60 bis 80 Jahre muss eine Geige von Grund auf restauriert werden. Auch kleinere Mängel behandelt der „Geigendoktor“: leimt Risse, wechselt Wirbel aus, säubert und poliert den Lack. Ruddock muss sich seine Kunden nicht suchen, sie kommen zu ihm: Streicher aus Opern- und Rundfunkorchestern, Kammermusiker und Musikstudenten aus Frankfurt, Darmstadt oder Wiesbaden. Wenn sie den gebürtigen Engländer wegen ihrer Geige ansprechen, klingt das fast wie beim Arzt in der Notfallaufnahme: „Die Saite klingt nicht richtig, was kann ich tun? Am Samstag ist mein Konzert.“

 

Vor lauter Reparaturen kommt Nigel Ruddock kaum noch selbst zum Geigenbauen. Denn das braucht Zeit: Rund 500 Arbeitsschritte und bis zu drei Monate Feinarbeit stecken im Bau einer Geige. Unzählige Faktoren entscheiden darüber, wie die Geige am Ende klingen wird: demütig-sanft oder dunkel und voller Leidenschaft.

 

„Zunächst braucht man das richtige Holz“, sagt Nigel Ruddock. Ahorn und Fichte für den Korpus, Ebenholz für Griffbrett, Wirbel und Saitenhalter. Das Fichtenholz bekommt der Geigenbauer aus Bosnien, Österreich oder den Schweizer Alpen. Langsam wachsen die Bäume dort in über 1000 Metern Höhe ans Licht, das Holz hat regelmäßige, feste Strukturen und kaum Äste – ideal für einen homogenen Klang.

 

Manche Werkzeuge in Ruddocks Werkstatt stammen noch aus der Zeit der Industrialisierung. Auch die Handwerkstechniken haben sich rund 300 Jahren kaum geändert. Geigenbau ist ein eher konservativer Beruf. Noch immer gelten die Meisterwerke der norditalienischen Geigenbauer Giuseppe Guarneri und Antonio Stradivari als Maß aller Dinge. Nigel Ruddock ärgert das ein wenig: „Man kann eine Geige heute genauso gut bauen wie eine Stradivari“, ist er überzeugt. Zwar orientieren sich die Geigenbauer an den Maßen der Altmeister, trotzdem ist jede Geige ein Unikat: Sie trägt die Handschrift des Erbauers, variiert in der Holzdicke und Wölbung – und damit im Klang. „Die italienischen Meister einfach nur zu kopieren, das wäre Sklavenarbeit.“

 

Nigel Ruddock ist ein ausgeglichener Mann ohne ausladende Gesten, aber mit einem kräftigen Händedruck. Seit über 20 Jahren perfektioniert er sein Handwerk. „Richtig zufrieden bin ich trotzdem noch nicht“, bemerkt er mit verschmitztem Lächeln. Erst über Umwege kam Nigel Ruddock zu seinem Traumberuf: Als Zehnjähriger lernte er Geige zu spielen, studierte später Archäologie und schrieb für eine Musikzeitschrift. „Irgendwann hatte ich genug vom Papierkram. Ich wollte endlich etwas Echtes erzeugen, etwas das bleibt.“ Statt wie Zeitschriften irgendwann im Altpapier zu landen, werden Geigen über Generationen weiter vererbt. „Die spielt noch jemand, wenn ich schon nicht mehr da bin. Ein schöner Gedanke“, findet Nigel Ruddock.

 

Vom Holzkeil zum Meisterstück

Doch wie wird aus groben Holzkeilen ein Instrument, dessen Klang einen Konzertsaal ausfüllt? Zunächst baut Nigel Ruddock mit Hilfe einer Innenform die Seitenstücke der Geige, die Zargen. Den Umriss überträgt er auf Boden und Decke, sägt beide aus und bringt sie mit einem Wölbungseisen in Form. Anschließend geht es an Hobeln. Mit einem schweren Stanley-Hobel, Jahrgang 1930, fährt Nigel Ruddock über den Ahornboden, den geschwungenen Griff und den Knauf aus Rosenholz fest in den Händen. Wie Butterkringel rollen goldgelbe Späne über die Werkbank. „Ein tolles Werkzeug, messerscharf“, grinst Ruddock. „Das macht die Arbeit fast von selbst.“

 

Für die Innenwölbung dreht er das Holz um und gräbt es mit einem großen Rundeisen aus. Dann arbeitet er die Form weiter aus: Immer kleiner werden dabei die Hobel, bis sie zum Schluss bis auf Daumengröße schrumpfen. Eine Messuhr zeigt dem Baumeister bis auf Zehntel Millimeter an, wie dick der Boden noch ist. Neben der Uhr verlässt sich Nigel Ruddock auf sein Gehör: Ein heller, fast glockenhaft-metallischer Ton entsteht, wenn er mit den Fingerknöcheln auf den ausgehöhlten Boden der Geige klopft. An dem Geräusch kann Ruddock den späteren Klang erahnen. Vielfarbig soll er sein und nicht zu nett: „Der Klang muss schließlich ein ganzes Orchester tragen.“

 

Ist die perfekte Form erreicht, leimt der Geigenbauer Decke, Boden und Zargenkranz zusammen. Zwei in den Rand eingelegte Ebenholzspäne schützen das Instrument, falls es einen Schlag bekommt. Mit einer Laubsäge schneidet Nigel Ruddock die Schalllöcher F-förmig aus, formt nacheinander Bassbalkon, Hals, Griffbrett und die kunstvoll gewundene Schnecke und passt alle Einzelteile millimetergenau ein. Anschließend dreht er die Wirbel ein, schneidet den Steg, setzt den Stimmstock ein und zieht die Saiten auf. „Sieht alles wunderschön aus, ist aber wahnsinnig viel Arbeit“, weiß der Geigenbauer. „Es gibt ja kaum eine gerade Linie bei der Geige, alles fließt und schwingt.“

 

Zum Schluss kommt das Lackieren, eine Wissenschaft für sich: Ein Kunstlack würde der Geige die Schwingung nehmen. Also kocht Ruddock sich seinen Lack selbst – auf einer Herdplatte im Garten. Dazu mischt er zwei Harze mit Leinöl und erhitzt die Mixtur auf 600 bis 700 Grad. Zum Schluss kommt noch Rotholzpulver hinzu. Das Ergebnis: der klassische dunkelbraun-honigfarbenen Ton. Drei- bis viermal lackiert Nigel Ruddock jede Geige. Zum Trocknen hängt er seine Schätze auf ein Gerüst in den Garten. „Ich bin dann immer sehr aufgeregt“, erzählt er. Jederzeit kann es zu regnen anfangen, zudem zieht der Lackgeruch Insekten magisch an. An einer Fliege im Lack soll das Werk nach rund 250 Arbeitsstunden nicht scheitern.

Unknown Track - Unknown Artist
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